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Schlechte Nachrichten gehören zum Job der Auswahltrainer:innen

Aktualisiert: 31. März

Eine Auswahlmannschaft ist der Traum vieler Athleten. Egal, ob es sich um die Landesauswahlen oder die Nationalkader handelt. Diese Sportler verfolgen ein gemeinsames Ziel: Teil der sportlichen Elite zu sein.

Bevor man sich der jeweiligen Mannschaft anschließen darf, müssen die meisten Sportler:innen einen aufwändigen Sichtungsprozess durchlaufen. Dabei werden ihre Fähigkeiten von Trainern bewertet und letztlich eine Entscheidung getroffen, oft auf der Basis der gesammelten Daten und Eindrücke des Tages.

Vor allem der erste Versuch stellt eine Herausforderung dar. Verlangt wird von den Sportler:innen, sich selbst zu präsentieren und den Mut aufzubringen, sich diesem Prozess zu stellen. Fremde Trainer:innen, unbekannte Drills, vielleicht auch Techniken und Taktiken, die vorher nicht bekannt waren. Dieser Auswahlprozess reißt viele der Sportler:innen aus ihrer Blase und stellt einen harten Kontakt zur Außenwelt her.

Die Sportler:innen kämpfen für sich und doch muss man sich teamfähig zeigen. Ein Balanceakt zwischen notwendiger Fokussierung auf die eigene Leistung und dem sozialen Gefüge einer Mannschaft. Das Gefühl, dabei ständig beobachtet und bewertet zu werden, wiegt schwer und kann sich auch hemmend auf die Leistung auswirken.


Neben dem Druck, sich bestmöglich in einer künstlichen Situation mit fremden Menschen zu zeigen, bleibt aber die Hoffnung, sich für die Mannschaft zu qualifizieren und ein Teil der Besten zu sein. Umso schmerzlicher kann die Botschaft über das Nicht-Erreichen oder gar über den Cut in der Mannschaft sein. Gerade Athlet:innen, die ihre Fähigkeiten bislang ihrem Talent verschrieben haben, treffen diese Entscheidungen besonders hart. Wenn nicht nur Träume zerplatzen, sondern das eigene Selbst bis ins Mark erschüttert wird, sogar Weltbilder zerstört werden, kann dies für die Betroffenen eine sehr emotionale Zeit bedeuten. Athlet:innen, die aus der Auswahlmannschaft geworfen werden, fühlen sich enttäuscht, entmutigt, verärgert und missverstanden. Sie können sich aber auch hilflos, wütend und ängstlich fühlen und es kann zu Gefühlen der Einsamkeit und des Verlustes von Identität und Zugehörigkeit kommen.


Am Ende des Tages müssen im Leistungssport Entscheidungen getroffen werden. Dies ist ein unausweichlicher Teil des Auswahlprozesses. Als Trainer stellt sich die Frage: Wie gestalte ich diesen Prozess? Welche Möglichkeiten habe ich, um meinen Teil zu einem stärkenden Verlauf beizutragen?

Ein zentrales Element dabei ist die Verkündung der Entscheidungen.

Ein Moment, in dem alles passieren kann. Wenn Träume zerplatzen, können die Reaktionen sehr unterschiedlich und vielfältig sein: Tränen, Wut und Verzweiflung. Hier können Trainer:innen jedoch wirken und Halt geben.



Zunächst einmal sollte klar sein, dass es nichts Schönes an diesem Moment gibt. Niemand möchte Sätze hören wie: „Im Moment der Niederlage liegt die Möglichkeit zu wachsen!“ Sprüche aus dem Motivationskalender ziehen nicht und trüben eher das Bild. Vielmehr geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle Emotionen ihren Platz finden. Dies beginnt bei der Wahl eines geeigneten Raumes und reicht bis zur Möglichkeit der Rückfragen. Klarheit für den/die Athlet:in zu schaffen, bedeutet vor allem eins: Die Klarheit für sich selbst zu schaffen.

Der Mensch strebt nach einem runden und vollständigen Bild, ohne offene Fragen. Daher muss gewährleistet sein, dass die Entscheidung einen Grund hat. Diesen zu verdeutlichen, in Form von Evaluationsbögen oder das Aufzeigen von Möglichkeiten zur Verbesserung, eröffnet erst die Perspektive für die zukünftige Entwicklung.


„Im Moment der Niederlage liegt die Möglichkeit zu wachsen“, geht erst dann, wenn Gründe bekannt und Handlungsoptionen benannt sind. Umso wichtiger ist das Vorgehen auf dem Feld und die Gestaltung des Gesprächs. Auch wenn es bei größeren Gruppierungen zeitlich nicht möglich ist, sich tatsächlich einzeln mit jedem/jeder Spieler:in zusammensetzen, sollte der Coach auf Rückfragen vorbereitet sein.


Erst im weiteren Verlauf, wenn die Kadergröße reduziert wurde, rückt das persönliche Gespräch in den Mittelpunkt. Dabei können verschiedenen Methoden des Gesprächsaufbaus verwendet und als Orientierung herangezogen werden. SPIKE, CALM oder NURSE, sind nur einige Methoden, um sich einer Strategie zu bedienen.


Die Vorbereitung auf dem Feld bietet die Möglichkeit, Klarheit für die Trainer:innen und später auch für die Sportler:innen zu schaffen. Anhand von Übungen und Drills können die Fähigkeiten gezeigt und bewertet werden. Dabei sollten die Techniken kleinteilig und nachvollziehbar heruntergebrochen werden. Die Daten aus den Bewertungen werden mindestens bis zum Gespräch aufbewahrt und bilden das objektive Fundament des Gesprächs.



Aber wie geht es nach der Datenerfassung weiter? Eine Möglichkeit dieses Gespräch in sechs Schritten durchzusteuern ist hier aufgeführt.



Im sicheren Rahmen erlaubt dieses Vorgehen das individuelle Ausleben der Emotionen, schafft Klarheit der Botschaft und bei einer entsprechend guten Vorbereitung auch einen Ausblick in die Zukunft.


Take Home Message


Bereite die Aspekte vor, die du auf dem Feld sehen willst. Dabei stehen die Fähigkeiten aus den Drills und passend zum Spielsystem im Vordergrund. Ob weitere Softskills relevant sind, gilt zu prüfen und kann ein weiterer Faktor sein. So oder so gilt es, mit den Sportler:innen den persönlichen Austausch im geschützten Rahmen zu suchen. Klare und präzise Aussagen helfen, die Botschaft zu vermitteln. Als Trainer:in gilt es, alle Emotionen zuzulassen und darauf zu reagieren. Eine Perspektive für die Zukunft schafft man vor allem durch das Aufzeigen von Maßnahmen, die den Spieler oder die Spielerin verbessern können.




Mit freundlicher Zusammenarbeit mit Stephan Hütter.


Literatur:

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Villagran, M., Goldsmith, J., Wittenberg-Lyles, E., & Baldwin, P. (2010). Creating COMFORT: A communication-based model for breaking bad news. Clinical Journal of Oncology Nursing, 14(4), 487–491. https://doi.org/10.1188/10.CJON.487-491


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